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Emotionen als Wegweiser

Oscar-Preisträger Javier Bardem sagte einmal in einem Interview mit GQ (April 2011): „(…) Gefühle sind gut, für uns alle, sogar dann, wenn sie Tränen, Schmerzen und Leid mit sich bringen. (…) Erst Schmerz lässt dich reagieren, sei es physisch oder emotional. Glück hingegen lässt dich nicht reagieren, es lässt dich stillstehen.“ Schmerzen, Leid und Tränen lassen uns leben. Wieso vermeiden wir sie denn dann ständig? Wieso haben Menschen so viel Angst davor, dass Schmerzen in ihrem Leben auftreten? Was macht uns so anfällig dafür, lieber als emotionslose Wesen zur Arbeit zu gehen, anstatt gegen das anzugehen, was nicht passt? Muss es Immer erst so schlimm werden wie zu Anfang der industriellen Revolution, als die Arbeiter ihre „Sabbats“, ihre Holzschuhe in die Maschinen warfen, weil sie es nicht mehr ertragen konnten, nichts mehr zu essen zu bekommen? Müssen Schmerzen also erst unerträglich werden, bevor wir reagieren?

Moment: Die Menschen zu Beginn der industriellen Revolution waren viel näher an ihren Affekten. Sie waren vielleicht sogar eher in der Lage zu „leiden“, kannten und empfanden ihre Emotionen viel intensiver.

Mein Philosophieprofessor Gernot Böhme schreibt dazu, dass wir Menschen von heute nicht mehr in der Lage sind, die Gefühle, die Menschen noch zur Zeit der frühen Industriellen Revolution hatten, in ihrer Intensität zuzulassen. Sie seien wegreduziert, nicht mehr so intensiv. Das tragische Moment des postIndustriellen Menschen sei, dass wir in dieser unseren Gesellschaft die Emotionen verdrängt, als unwichtig markiert und anschließend wegreduziert haben.

Wir alle können das sehen, wenn wir uns anschauen, wie in der Schule die musischen Fächer, die eigentlich den Ausdruck von Emotionen lehren könnten, aus dem Lehrplan gestrichen werden. Wir haben die Rationalität so sehr internalisiert, dass wir das Leiden, aber auch die schönen Empfindungen an unserem Leben nicht mehr empfinden. Schauspieler wie Javier Bardem erinnern uns daran, dass es diese Emotionen gibt. Doch alleine diese Beobachtung bringt noch nicht die Erkenntnis, dass wir derzeit eine Trendwende erleben.

Doch diese Trendwende ist da.

Immer mehr Autoren schreiben über Emotionen. In den USA wird die Forschungen zu Glück und Emotionen stärker. Ein Klassiker dieser Strömung ist bekanntlich der EQ (Emotionaler Intelligenzquotient) von Goleman. Immer mehr „Propheten“ der Management-Literatur trauen sich, Emotionen hochzuloben und selbst Männermagazine schreiben von den Emotionen im Mann. Diesmal nicht als ein Hindernis, sondern als die Kraft im Mann.

Was ist die Ursache dieser neuen Emotionalität? Machen wir uns nichts vor: Wir sollen noch besser an unsere Ressourcen, an unsere Fähigkeiten herankommen. Es geht wieder um die Steigerung unserer Leistungsfähigkeit als Wissenarbeiter. Versteht mich nicht falsch, diese Autoren, all diese Forschungen sind per se gut. Sie sind als Grundlagenforschung absolut notwendig. Aber wir dürfen nicht zulassen, dass aus dem Verständnis, dass wir emotionale Wesen sind, dass wir wieder lernen müssen diese Emotionen wahrzunehmen und dass wir sie vor allem zulassen sollten, nicht nur das wird, was für viele ein neuer Produktionsfaktor ist.

Zunächst dachte man ja, dass die Emotionen schädlich sind … das war für das Zeitalter der industriellen Arbeit auch korrekt. Ein Arbeiter, der die Maschinen betreuen soll, eine Näherin, die 12 Stunden am Tag Stoffe zusammennäht, sind sicher produktiver, wenn sie nicht emotional sind. Obwohl das unmenschlich und unnatürlich ist. Aber das Arbeitsmodell der Industriearbeit hat ja zunächst auch für die Arbeit des Wissensarbeiters Pate gestanden. Erst jetzt nach 60 Jahren wird ja immer deutlicher, dass der Wissensarbeiter eben ganz andere Arbeitsbedingungen benötigt, als wir es von der Industriearbeit her kennen. Der Raum für Emotionalität wird entdeckt.

Bisher war bekannt, dass der Wissensarbeiter einen Raum benötigt, in dem man mit Menschen kommunizieren kann, in dem Menschen gemeinsam eine Aufgabe verfolgen können. Dem Wissensarbeiter einen Ort zu geben, in dem er durch die Art der Gestaltung des Raums dabei angeregt wird, um die Ecke zu denken. Einen Raum, in dem er neue Lösungen dadurch finden kann, dass er aus dem Schema des prozessualen Denkens austreten kann.

All das ist bekannt und wenn wir mit Kunden über die Rahmenbedingungen für Arbeitssituationen in Firmen reden, dann sagen wir auch, dass Teams den emotionalen Raum brauchen, in dem sie sich entfalten können. Teams so zusammensetzen, dass sie möglichst viel miteinander zu tun haben – sie möglichst viele Chancen haben miteinander zu kommunizieren und ihre Grundinformationen visuell an die Wände hängen können. Räume müssen also für Teams strukturiert sein, das geht hin bis zu schallschluckenden Teppichen. All das ist für uns bereits Realität und langsam, aber sicher beginnen mehr Firmen auch auf diese Ideen in ihren Raumkonzepten einzugehen. (Leider viele noch überhaupt nicht.)

Ihr werdet jetzt entgegnen:

  • Aber es gibt Arbeiten wie Schreiben, Komponieren, Programmieren, in Ruhe etwas ausarbeiten, bei denen man nicht mit Menschen kommunizieren muss, und wo der stilisierte Arbeitsplatz des Wissensarbeiters – Schreibtisch, Computer, Schreibtischlampe, ein stiller Raum – das Geeignete ist. Das bestreite ich nicht. Es gibt beim kreativen Arbeiten beide Phasen und die widersprechen sich nicht, sondern sie ergänzen sich. Austausch und Nachdenken – sie gehören zusammen.
  • Es gibt Arbeiten, bei denen es tatsächlich nur um das Abarbeiten von Vorgängen geht. Auch das ist eine Form der Wissensarbeit. Auch das bestreite ich nicht. Es gibt tatsächlich die sogenannten Sachbearbeiter-Jobs. Die Industriearbeit in der Wissensarbeitsspähre, aber auch hier ist die Frage, ob nicht ein Raum sinnvoller ist, in dem die Menschen gemeinsam die Fälle lösen können, in dem sie zusammensitzen und sich gegenseitig helfen könnten.

Raum Zeit

Zum einen brauchen Teams den emotionalen Ort, an dem sie sich kreativ entfalten können. Andererseits benötigen sie Raum in Form von Zeit. Emotionen zuzulassen heißt in erster Linie, sich ihnen in zwei Arten zu widmen: Durch das zeitliche Zulassen. Ihnen also auch im Arbeitsleben durch Gespräche, durch Zuhören, durch einfach Zeit miteinander verbringen den notwendigen Raum geben. Andererseits durch das Aushalten und Verständnis zeigen für Emotionen. Das kann bis hin zu „unprofessionellen“ Wutausbrüchen gehen. Das Dampfablassen kann aber auch einmal genau der richtige Impuls sein, um mit einer Situation umzugehen, dem anderen zu sagen: So, jetzt habe ich gerade meine Grenzen erreicht!

Wutausbrüche sind das eine, aber die Emotionen des anderen im Team zu sehen, sie zu würdigen, sie auszuhalten, das ist das Befremdliche. Als ich in einem Coaching einmal meinen Coachees sagte „Ja, ihr als ScrumMaster müsst auch mit den Emotionen eurer Teammitglieder umgehen“, sah ich blankes Entsetzen. Das wollte man nicht, auf gar keinen Fall. Ja, es ist befremdlich und macht Angst. Denn, und da schließt sich dann der Kreis, wir haben in dieser Gesellschaft der Emotion keinen Raum gelassen. Wir lassen in Familien und in den Beziehungen für ehrliche Gefühle keinen Raum. Sie werden unterdrückt oder als nicht existent deklariert. Emotionen werden als Bedrohung gesehen, denn wir lernen als Kinder in den wenigsten Fällen, wie man mit ihnen umgeht. Vor allem dann, wenn es schmerzhafte Emotionen sind, oder dann, wenn sie uns verunsichern. Wenn sie unserem Verstand nicht sofort sagen, wohin die Reise geht. Aber wieso ist das so? Wieso hören wir nicht auf sie, wieso hören wir nicht in uns hinein? Warum geben wir nicht zu, dass wir wütend sind, dass wir uns zu jemandem hingezogen fühlen, dass wir verunsichert sind, dass wir Freude empfinden, den anderen zu sehen?

Meine Antwort darauf: Weil wir verlernt haben, oder was noch wahrscheinlicher ist, weil wir nicht gelernt haben, ihnen zuzuhören und ihnen zu vertrauen. Wenn Eltern ihren Kindern, wenn diese sich gerade die Knie aufschlagen erzählen: „Das tut nicht weh!“, „Ein Indianer kennt keinen Schmerz!“ oder etwas ähnlich Schwachsinniges, dann bringen wir dem Kind bei: „Ich kann meinen Empfindungen nicht trauen.“ Das ist das Gleiche, wie wenn sie ihrem Kind erklären: „Du musst aufessen“, oder „Iss das, das ist gesund für dich“, obwohl das Kind keinen Hunger hat. Auch in diesem Fall wird dem Kind erklärt: „Hör nicht auf deinen Körper, nimm deine Empfindungen nicht wahr und ignoriere sie, denn sie müssen falsch sein.“

Nun transportiert diese Erkenntnis auf Emotionen in Teams. Welcher erste Arbeitgeber oder welcher Lehrer hat Teams in ihrer Teamarbeit erklärt, wie sie mit ihren Emotionen, ihren Konflikten, ihren Verunsicherungen uva. in Teams umgehen dürfen? Wer hat euch bei den ersten Teams, in denen ihr vielleicht gewesen seid – Fußball, Handball, Pfadfinder – erklärt, wie wichtig das Emotionale ist, und noch wichtiger: Wie man damit umgehen kann?

Ja, wenn ihr euch auf eure Emotionen einlasst, sie zulasst und dann in der Situation auch loslassen könnt! Dann wird das dazu führen, dass ihr leistungsfähiger und damit produktiver werdet … gut für euren Arbeitgeber, aber viel wichtiger: Es wird euch eine Richtung geben, die viel dichter an dem ist, was euch entspricht, als das viele Nachdenken, ob man auf dem richtigen Weg ist. Emotionen lügen nämlich nie!

  • Nina Lambacher

    Wunderbar, danke!