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Team oder nicht Team

Was macht ein Team zu einem Team? Ist es die Tatsache, dass es einen Teamleiter hat? Ist es die Tatsache, dass es gemeinsam in einem Raum sitzt? Dass alle in einem Raum an einem Release arbeiten? Dass sie vielleicht zufällig in der gleichen Domain arbeiten?

Ich bin mal wieder auf diese Frage gestoßen, als ich vor ein paar Wochen bei einem Team zu Gast war. Wir machten gerade das Daily Scrum, als klar wurde, dass einige Aufgaben nicht erledigt werden. Als deutlich wurde, dass der Grund dafür die Überlastung einiger einzelner Teammitglieder war, und dass andere im Team hier hätten kräftig zupacken können, hörte ich den Satz: „Ich will meine Arbeit machen und nicht die Arbeit von anderen!“ Ich hätte diesen Vorfall vergessen, hätte ich nicht einige Tage darauf in meiner eigenen Firma doch tatsächlich den gleichen Satz im umgekehrter Form gehört: „Jetzt muss ich auch noch den Job von X machen!“ Obwohl diese Person zur Aushilfe für diese Person eingestellt worden war.

Konflikte als Zeichen und Chance auf Heilung

Mich trifft dieser Satz wie ein Hieb. Ich bin danach verdattert ohne Ende und weiß nicht, wie ich auf so etwas reagieren soll. Meine initiale emotionale Reaktion ist dann einfach nur: „Ok, danke. Du kannst gehen.“ Aber – mir ist klar, dass hinter dieser Aussage etwas ganz anderes verborgen ist. Das macht diese Aussage nicht richtiger, denn immerhin erwarte ich von Profis auch einen professionellen Ansatz (ok, das ist dann mein Anspruch!).

Aber das Phänomen darf ich weder als Führungskraft eines Teams, noch einer Abteilung oder als ScrumMaster ignorieren. Im wahrsten Sinne Umberto Ecos [1] muss ich diesen Hinweis als ein Zeichen sehen, hinter dem möglicherweise, nicht zwingend, auch ein Hinweis auf ein tiefer liegendes Problem steckt.

Aber welche Interpretationen sind möglich?

  • Die Person hat keine Lust auf andere Arbeiten
  • Die Person will nicht die Verantwortung für andere Dinge sehen
  • Eine Person sieht sich nicht als Teil eines Teams
  • Der Teamgedanke existiert noch nicht.
  • Es ist noch keine Einheit entstanden.

All diese Interpretationen führen unweigerlich zu einer Art Schuldzuweisung: Das Team, der Einzelne, strengt sich einfach nur nicht genug an.

Aber nehmen wir mal an, es herrschen die besten Absichten. Also der Einzelne ist ein Medium der besten Absichten und jede Absicht, jeder Impuls des Teams ist im besten Interesse des Gesamtkonzeptes. Also die Aussage „Ich will dem anderen nicht helfen“ ist ein Ausdruck einer nützlichen Reaktion für das Gesamtsystem. Hat also eine Logik der Nützlichkeit.

Wenn wir das annehmen, dann wird aus dieser Aussage ein Hinweis auf

  • eine Not, die zum Ausdruck gebracht wird.
  • einen Mangel, der verdeckt werden muss, da das Aufdecken des Mangels für alle Beteiligten schädlich wäre, auch für den Manager.
  • ein Anzeichen für einen Widerstand, der auf einen Statusverlust hinweist.

Es mag noch viele andere Gründe geben, aber genau um diese Gründe herauszufinden, gibt es nur einen Weg: Offenheit und die deutliche Ansprache. Das wiederum wird zu Schmerzen (= Konflikten) und in diesem Fall zu unbequemen Diskussionen führen. Werden diese Diskussionen aber geführt, hat das Phänomen seinen eigentlichen Zweck erfüllt. Es wurde aufgedeckt, damit angreifbar, reflektiert und damit „heilbar“.

Mittel zur Heilung und der Erfolg

Ob der Heilungsprozess gelingt, hängt bei Teams davon ab, ob sie diese Heilung aushalten, denn der Schmerz tut nunmal weh. Er juckt, er kratzt, er ist unbequem. Heilung geht meistens nicht ohne Leiden vonstatten. Der Heilungsprozess wird möglicherweise noch weitere Konflikte  aufdecken und dennoch ist genau das der einzige Weg, auf dem ein Team entstehen kann. Diesen Heilungsprozess mit Mitteln der visuellen Moderation, mit Mitteln des Dialoges und mit den Board-Mitteln Scrums zu lösen, ist und bleibt die ständige Herausforderung, der wir uns als ScrumMaster zu stellen haben.

Wenn es dem ScrumMaster gelingt, sein Team durch diesen Prozess zu führen, formt er unweigerlich auch ein Team, das nach dem Heilungsprozess stärker und stabiler ist, als vorher.

 

[1] Umberto Eco ist ein bekannter Philosoph und Semiotiker. Weltberühmt wurde er durch den Roman „Der Name der Rose“. Darin zeigt er, wie Zeichen zu Bedeutungen werden. Sie müssen nur interpretiert werden. Dass diese Interpretationen nicht „richtig“ sind, sondern immer Interpretationen, ist eine der Schlüsselfolgerungen der Semiotik.

  • Dieter Roesner

    Guter Ansatz, vor der Heilung steht immer Irritation und Führung muss mutig sein Irritationen auszulösen. Dazu gibt es genügend direkte aber auch indirekte Zugänge. Irritation ist die Mutter aller Veränderungs-/Heilungsprozesse.