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Führung, Selbstorganisation und Legitimation

Immer wieder taucht in den ScrumMaster Pro Trainings das Thema Rollenunsicherheit und Rollenunklarheit als ScrumMaster oder PO auf. Neue Rollenkonstruktionen wie der ScrumMaster brauchen per se Zeit, um sich zu etablieren und eine definierte Akzeptanz zu bekommen. Wenn ich nachfrage, kommen als konkrete Praxiserfahrungen Aussagen, dass zu wenig Energie und Durchschlagskraft in der Funktion nach oben und unten spüren sei. Man weiß nicht genau, was man darf oder auch nicht, wohin man sich wenden kann, wie viel Augenhöhe besonders zum Management erlaubt und erwünscht ist usw. Gerade in der Lösung von Impediments zeigt sich häufig diese Problematik, aber auch im Umgang mit Schnittstellen, ja, auch mit dem eigenen Team. Was hier häufig fehlt, ist schlicht und ergreifend ausreichende und klare Legitimation.

Was ist Legitimation?

Es ist also sinnvoll, die Frage nach der Bedeutung von Legitimation in der Rolle und Funktion als ScrumMaster (PO Teamleiter, Projektleiter) zu stellen. Legitimation ist ein wesentliches formales Element von Führung, ob disziplinarisch oder lateral.

Legitimation (aus lat.: lex, legis = „Gesetz“, „Rechtfertigung) bedeutet im heutigen Sinne Ermächtigung, Beglaubigung. Legitimation ist die Rechtfertigung faktisch bestehender Ordnungen, Regeln, Strukturen und somit ein handlungsrelevantes Element von Führungspositionen und funktionaler Macht. Legitimation in diesem Sinne unterstützt Standing, Entscheidungsfähigkeit und Einflussenergie von Führung.

Wichtig ist dabei zu sehen, dass Legitimation dreidimensional gesehen werden muss:

  • Systemlegitimation von oben
  • Teamlegitimation von unten 
  • Selbstlegitimation von „innen“

Systemlegitimation bedeutet, dass von den Verantwortungsträgern im Unternehmen dem Rollenträger ein klar definiertes Rollenprofil zugeschrieben und formell vereinbart wird. Verantwortungen und Kompetenzen müssen konkret festgelegt werden und die entsprechenden Konsequenzen in der Praxis reflektiert und bewusst gemacht werden. Darf zum Beispiel der ScrumMaster bei Kontext-Impediments auf Augenhöhe mit dem Management kommunizieren, darf er Personalentwicklungsanstöße geben, kann/muss er bei Konflikten eskalieren, usw. Wichtig ist dabei, dass das Commitment zur Legitimation von oben gegenüber den Teams und auch zu Schnittstellen im System klar und eindeutig kommuniziert werden muss.

Teamlegitimation erarbeitet sich der Rollenträger über Verständigung und Vertrauensaufbau im intensiven Kontakt mit dem Team. Dies geschieht indirekt durch entsprechendes Handeln in der Führungsrolle und äußert sich in Akzeptanz des hierarchischen Unterschieds und des spezifischen Beitrags zur Selbstorganisation durch alle Teammitglieder. Teamlegitimation kann aber auch direkt und gezielt thematisiert und zum Beispiel über Erwartungsklärung und Abgrenzung von Kompetenzen und Verantwortlichkeiten aktiv angestoßen werden.

Selbstlegitimation ist die eigene Zuschreibung, eine besondere (andere) Funktion im Selbstorganisations- und Arbeitsprozess des Teams inne zu haben. Sie bedeutet, überzeugt davon zu sein, dass die eigene Rolle funktional und für das Ganze wertvoll ist und dies auch selbstbewusst zu vertreten. Selbstlegitimation heißt, die eigenen Fähigkeiten für die kompetente Ausübung (inkl. Ausbildung und Zertifikat) meiner Rolle ohne Überheblichkeit wertzuschätzen, auch wenn ich vielleicht manches noch lernen und mich entwickeln muss. Im Idealfall heißt das auch, seine Rolle zu „schätzen“. Nur wer gerne führt, führt wirklich gut.

Gerade ScrumMaster als noch nicht gefestigtes und standardisiertes Rollenmuster in Unternehmen, sollten von Anfang an dafür sorgen, dass sie gut und ausreichend „dreifach“ legitimiert sind, um ihre Schlüsselfunktion im Scrumprozess gut und effektiv leben zu können. Das geht nicht immer von allein und ist auch durch ein Zertifikat nicht gesichert, sondern braucht bewussten Mut, Anstrengungen und Zähigkeit, um dahin zu kommen.