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Spielerisch für Veränderungen sorgen

Um einen Tisch sitzen sechs Product Owner und ein ScrumMaster. Die POs sind mit Post-its und Stiften bewaffnet. In der Mitte des Tisches liegt eine Spielkarte. Sie ist verdeckt. Der ScrumMaster dreht die verdeckte Karte um. Darauf ist eine Kreidetafel mit folgendem Inhalt zu sehen: „Wegen Zu geschlossen! Neueröffnung März 2007“. Der ScrumMaster gibt die kurze Anweisung: „2 Minuten Zeit. An die Stifte, fertig, los!“ – und die Product Owner beginnen mit dem Schreiben.

Ihr fragt euch, was hier gerade passiert? Hier spielt ein Product Owner Team „Happy Aua“. Das ursprünglich von Bastian Sick entwickelte Bilderspiel aus dem „Irrgarten der deutschen Sprache“ dient leicht abgewandelt als Kreativitätswerkzeug und soll Product Owner auf spielerische Weise dabei unterstützen, das Formulieren von Produktvisionen zu üben. Je origineller und lustiger der Kommentar zur Karte formuliert ist, umso besser. Die Abstimmung, welcher der Kommentare der jeweils Beste ist, erfolgt gemeinsam.

Spiele bei der Arbeit?

Führen und spielen? Veränderung und Spaß? Schließt das eine das andere nicht aus? Aus meiner Sicht sollten Arbeiten, Lernen und Spielen nicht voneinander getrennt werden. Spielen steht für eine Interventionsform, die Menschen in eine Welt entführt, in der alles passieren kann. Auch, wenn noch immer überwiegend die Meinung in der Arbeitswelt vorherrscht, dass Spiele für die Freizeit reserviert oder lediglich Kindern gestattet sind, finden Menschen wie Arne Gillert, Autor des Buches „Der Spielfaktor. Warum wir besser arbeiten, wenn wir spielen“, in Unternehmen immer stärker Gehör. Er behauptet: „Wer spielerisch an die Arbeit geht, gelangt ernsthaft zu neuen Lösungen.“ Trockene Arbeitsthemen oder schier unlösbare Situationen bekommen durch spielerisches Denken und Handeln neue Impulse, weil dabei eine Quelle (fast) vergessener Ressourcen angezapft wird.

Wann habt ihr das letzte Mal Kindern beim Spielen zugesehen?  Kinder lernen in ihrer frühen Entwicklung so viel und so schnell – und seid euch sicher:  Lernen ist Arbeit – wie nie mehr wieder in eurem Leben. Wie tun sie das? Sie spielen. Sie spielen den ganzen Tag lang. Dabei befinden sie sich in einer Welt, in der ihr Geist fokussiert, hochkonzentriert und 100% aufnahmefähig ist. Die gewonnenen Erkenntnisse und Erfahrungen, das Neue, werden so wirksam im Gedankengut verankert. So sind sie für den Rest des Lebens abrufbar und es kann wiederum Neues damit assoziiert werden.

Bürotätigkeiten, Meetings, Seminare, Schulungen, Workshops oder Vorträge – all das ist Arbeit. Und allzu oft beschäftigt sich diese Arbeit nur mit Begriffen von Dingen und eben nicht mit den Dingen selbst und ihren Beziehungen zur Umwelt. Der Mensch aber braucht Entfaltungsmöglichkeiten seines individuellen Lern- und Arbeitsstils. Um dabei jedem auf seine eigene Weise gerecht zu werden und gleichzeitig für den zu vermittelnden Lernstoff Aufmerksamkeit zu bekommen, müssen Möglichkeiten geschaffen werden, die Information in die jeweilige Individualsprache, die Assoziationswelt jedes Einzelnen zu transferieren.

Spielen kann das.

Spielen erhöht nicht nur die Aufnahme- und Lernbereitschaft. Spielen ist uns allen vor allem vertraut. Schließlich waren wir alle mal spielende Kinder. Und Vertrautes schenkt uns die Freude des Wiedererkennens. Freude steuert wiederum Aufmerksamkeit, öffnet unsere Bereitschaft, (Lern-)Energien zu mobilisieren und ein Gefühl zu erleben, das uns im Kontinuum des Arbeitsalltags häufig verloren geht, nämlich die kindliche Gier nach neuen Erfahrungen: die Neugier. Neugierde kompensiert nicht nur die Angst vor Fremdem, sondern ist der Schlüssel zu in uns schlummernden Handlungsräumen wie Kreativität, Experimentierfreude, Freigeist oder Spontaneität.

Spielen braucht Handlungsräume

Spielen findet überall dort statt, wo die Folgen des eigenen Handelns begrenzt sind – also dort, wo ein Fehlverhalten keine Katastrophen oder Repressalien nach sich zieht. Schon die Bereitstellung eines sicheren Rahmens (z.B. Hier darf heute wirklich alles passieren) sorgt dafür, dass Menschen Neues ausprobieren wollen/werden.

Das schönste Spiel im Rahmen eines Sprints ist die Retrospektive. Sicher fragt ihr euch jetzt, ob ich die gleiche Retrospektive meine wie ihr. Ja und nein. Fragt doch mal euer Team: „Was lief gut?“ und fragt es ebenso „Was könnte verbessert werden?“ Allerdings probiert  zum Einstieg mal das „Spinnennetz“ aus (vermutlich kein Scrum-Team, aber hier gibt es ein kurzes Video zu einer Outdoor-Variante):

  • Die Teammitglieder müssen von der einen Seite des Spinnennetzes auf die andere Seite gelangen. Dabei darf jede Öffnung des Spinnennetzes nur von einem Gruppenmitglied benutzt werden. Niemand darf über, neben oder unterhalb des Netzes auf die andere Seite gelangen.
  • Achtet darauf, dass die Schnüre nicht berührt werden. Berührt ein Gruppenmitglied eine Schnur, klingelt ein in der Mitte des Spinnennetzes befestigtes Glöckchen und das Gruppenmitglied muss von Neuem beginnen. Natürlich dürfen Sie sich gegenseitig helfen.
  • Ihr habt nun zunächst fünf Minuten Zeit, um euer Vorgehen untereinander abzusprechen. Dann geht es los. Beantwortet nach dem Spiel die beiden Retrospektiven-Fragen und lasst einen Bezug zum vergangenen Sprint und dem „Spinnennetz“ herstellen.

Sorgt für (Spiel-)Räume, die eine ungestörte Erarbeitung individueller Lösungen ermöglicht und ihr werdet sehen, dass die Teammitglieder dabei bereitwillig Verantwortung übernehmen.

Spielen ist Handeln, Spielen ist nicht Planen

Vor kurzem habe ich ein Kind beim LEGO-Spiel gefragt: „Was wirst du jetzt bauen?“ Ohne aufzusehen, zuckte es mit den Schultern und murmelte: „Das weiß ich nicht.“ Eine halbe Stunde später stand dort ein kleines Kunstwerk. Ich hätte das SO niemals hinbekommen! Das Kind hatte keinen Planungsworkshop belegt, bevor es mit dem Bauen anfing, sondern legte einfach los.

Natürlich ist es wichtig, einen Plan in der Tasche zu haben, weil die Ausrichtung unseres Handelns auf ein größeres Ziel nun mal dazugehört, um so den besten Weg zu diesem Ziel herauszufinden. Aber wie gut sind Pläne wirklich? Eigentlich sollten wir es aus den Erfahrungen der abertausend gescheiterten Projekte, denen scheinbar wasserdichte Pläne zugrunde lagen, besser wissen.

Versteht mich nicht falsch! Spielen bedeutet nicht, dass Planen überflüssig ist. Es ist sogar essentiell. Allerdings geht es darum, über das Maß nachzudenken. Wie viel Planung ist tatsächlich nötig, um anfangen zu können. Nicht selten ist weniger wirklich mehr. Erfolgreiche Beispiele dafür sind die Schätzspiele „Magic Estimation“ und „Planning Poker“. Traditionelle Aufwandsschätzungen funktionieren nun mal nicht und verschwenden nicht nur Zeit, sondern sind relativ zu ihrem Effekt gesehen vollkommen übertrieben. Deshalb traut euch und spielt!

Spielen fängt im Kopf an

Wenn ich in meinen Trainings mit den Lerngruppen spiele, stelle ich – zwar in unterschiedlichen Ausprägungen – aber trotzdem immer wieder das Gleiche fest: Ist das Spiel erstmal angefangen, dann machen die Spielenden kaum bis keinen keinen Unterschied zwischen der Realität und dem, was Spiel ist. Wer spielt, der stellt sich etwas vor und taucht ab in seine (Spiel-)Welt. Die Vorstellungskraft gehört mitunter zu den mächtigsten Denkwerkzeugen des Menschen.

Nehmt das Daily Scrum als Versuchsballon. Schenkt jedem Teammitglied ein Überraschungsei. Die Schokolade ist euer Geschenk an jeden aus eurem Team. Der jeweilige Ü-Ei-Inhalt definiert das individuelles Motto des Tages oder der Woche oder des aktuellen Sprints. Lasst das Team immer wieder einen Bezug herstellen. Analogien, Metaphern, Geschichten lockern die Stimmung im Team auf und sorgen für ein Mehr an Leichtigkeit im Tun.

David Holzer, Trainer & Scrum Consultant

  • Vielen Dank für den anregenden Artikel. Wie nimmst du den Mitspielern die Angst davor „kindisch“ zu wirken?

  • David Holzer

    Hallo Matthias,

    Hallo,danke für deine interessante Frage. Sie kommt auch in meinen Trainings nicht selten. Sie wird jedoch meist von Teilnehmern gestellt, die die Magie des „Spiels“ noch nicht ausprobiert haben. Was wie Widerstand aussieht, ist oft mangelnde Klarheit. Wofür tue ich, was ich gerade (anders) tun soll. Das ist erst mal ein sehr menschliches Phänomen: die Konzentration auf Probleme statt auf die klitzekleine Chance, dass man mit Spielen etwas Tolles beim Gegenüber bewirken könnte – eine Lösung. Hast du dich bei deiner Frage auch mit der Lösung beschäftigt? Ehrlich. Statt sich Sorgen um Ängste für kindisches Verhalten zu machen, lade ich dazu ein die sogenannten positiven Ausnahmen (Steve de Shazer, Insoo Kim Berg) zu suchen. Sie finden sich überall!Ja, etwas Neues, eine Veränderung bringt neue, ungewohnte, vielleicht sogar Angst einflößende Wahlmöglichkeiten. Das stimmt. Und das ruft Unsicherheit hervor.Aber hierfür würde ich lohnenswerte Ziele aufzeigen, emotionale Ziele. Zielbilder zeigen dem Ängstlichen, wohin es mit ihm/uns damit geht und vor allem warum sich die „Reise“ mit dem Spiel lohnt.Schließlich bin ich mit dabei und ich mache mit. Ich erläutere die konkreten Schritte und bei Widerstand gehe ich voraus und mache es vor. Hast du konkrete Beispiel für kindisches Verhalten? Was sind die Reaktionen? Was könnte im schlimmsten Fall passieren?Und: WAS könnte im besten Fall passieren? Was wäre dann anders? 

    Übrigens: Sitze gerade im Zug und fahre zum Kunden. Zwei Trainingstage liegen vor mir. Für meine Feedbackrunden habe ich Überraschungseier dabei. Wir werden viel malen, mit Bällen spielen und noch einige andere Spiele machen, die die Teilnehmer Scrum auf eine etwas andere Art nahe bringt:

    Doing as a way of thinking.

    David