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Wenn Scrum draufsteht, ist auch Scrum drin. Oder?

Also steht auf einem Projekt oder auf einer Projektmanagementmethode „Scrum“. Dann heißt der Projektmanager ganz schnell Product Owner und der Teamleader wird zum ScrumMaster. Schließlich machen wir doch Scrum, oder?

Agilität ist ein Mindset

Wenn es bloß so einfach wäre. Die größte Hürde im Verständnis von Scrum ist noch immer, dass ein Name allein noch keine Agilität bewirkt. Tatsächliche Agilität ist eng mit einem Paradigmenwechsel im Denken verknüpft. Agile Methoden wollen die motivativen Elemente befreien, die in jedem Menschen verborgen liegen und wirken daher disruptiv auf viele traditionelle Strukturen und Organisationen. Dass Agilität so tief in die Denkweise eingreift, können oder wollen viele Manager nicht erkennen, sogar wenn von ihnen selbst die Initiative ausgeht. Agiles Denken greift an, ist provokativ, sehr oft erzeugt es Chaos und Verunsicherung.  Es bedeutet, dass alte und oftmals überkommene Ideen durch wissenschaftlich fundierte Vorgehensweisen falsifiziert werden. Daran zerbricht auch der Vorwurf, Agilität sei ein Glaubensbekenntnis: Der Gott der Agilität existiert nicht. Agiles Denken ist tief verwurzelt in der empirischen Methode. Ursprünglich hatten Ken und Jeff sogar darauf bestanden, dass sich Scrum aus der Empirical Process Control heraus entwickelt hatte. Scrum ist eine wissenschaftliche Methode, wenn man wissenschaftlich als „durch das Experiment betätigt oder falsifiziert“ definiert. Aus genau diesem Grund vergleiche ich Scrum auch gerne mit dem Zeitalter der Renaissance.

Wiederentdeckung

In der Renaissance wurden die Natur, ihre Gesetze und letztendlich die Beobachtung als der Schlüssel zur Erkenntnis wiederentdeckt. Wiederentdeckt deshalb, weil das Mittelalter ignoriert hatte, was die antiken Denker bereits wussten.

Mercury-Kapsel, copyright NASAScrum knüpft mit den agilen Denkweisen an die Ursprünge der Softwareentwicklung an. Zu Beginn der Softwareentwicklung waren es einige wenige – so wie es in der Antike nur einige wenige waren, die wissenschaftlich gedacht haben. Dann beherrschte die Kirche das Territorium der Wissenschaft. Rund 1200 Jahre spielte das augustinische Denken die Hauptrolle, erst im 13. Jahrhundert begann man sich wieder auf die Ideen von Aristoteles zu besinnen. Nichts anderes passiert heute in der Produktentwicklung. Vor 50 Jahren wurden Produkte von exzellent ausgebildeten Wissenschaftern entwickelt, teilweise saßen Nobelpreisträger darunter wie zum Beispiel in den Bell Labs. Allerdings waren die auch schwer zu kontrollieren. Dann kam das Management mit seinen Ideen und versuchte mit seinem hohen Sicherheitsdenken, Stabilität zu schaffen. Und heute sind es wieder die wissenschaftlich ausgebildeten und kreativen Menschen, die das Design Thinking nutzen, um aufzuzeigen, dass die alten Ideen aus den 1960er-Jahren doch korrekt waren. Sie wissen wieder, wie man Produkte entwickelt, die auch richtig gut funktionieren.

Erfolg mit agilem Denken

Agiles Denken beginnt mit der klaren Erkenntnis, dass man immer die Ergebnisse erzielen wird, für die eine Organisation aufgestellt ist. Erzeugt man keine guten Produkte, dann liegt es nicht am bösen Markt, dem bösen Kunden, an der Situation oder an wem auch immer. Es liegt ganz einfach daran, dass die eigene Organisation in ihrer aktuellen Gestaltung nicht zu den Anforderungen ihres Umfeldes passt.

Nicht die Realität ist falsch, nicht das Universum, nicht die Gesellschaft oder der Markt laufen in die falsche Richtung, wenn ich keinen Erfolg mit einem Produkt habe. Nein, es ist ganz einfach die simple Tatsache, dass mir der Erfolg nicht gegeben ist, weil der Kontext nicht zu meinem Produkt passt. Weil die  Entwicklungsmethoden ungeeignet sind, weil ich nicht die für diese Aufgabe geeigneten Menschen eingedstellt habe, weil die Prozesse zu langsam sind uvm.

Der Designer Tom Ford hat das wunderbar ausgedrückt: Er hatte das große Glück, ein wenig früher zu erahnen, was der Markt bald haben will. So hatte er, was der Markt wollte, als der Markt bereit war zu erkennen, dass er es will. Er hatte sich mit seinen Produkten so in Position gebracht, dass er rechtzeitig zur Stelle war. Er hat sich aber offenbar nicht nur mit seinem Produkt richtig positioniert, er hat auch die gesamte Infrastruktur geschaffen, damit sein Geschäftsmodell funktioniert.

Erfolg mit Menschen

Agiles Denken sieht klar, dass wir es in unseren Arbeitsprozessen mit Menschen zu tun haben. Es nimmt die Menschen mit ihren Emotionen, mit ihren Wünschen, mit ihren Bedürfnissen wahr, es arbeitet mit und nicht gegen sie. Agiles Denken stellt die Interaktion zwischen Menschen über die Abläufe von Prozessen her, lässt Raum für Intuition, Inspiration und Improvisation.

Agiles Denken setzt auf die Zusammenarbeit, auf den Dialog, auf den Kontext und auf das Vertrauen, dass Menschen etwas miteinander schaffen wollen. Mitch Lacey erzählte vor ein paar Monaten bei einem Vortrag in Wien, dass er zu einem Kunden sagte: „Wenn ich ihnen jetzt am Anfang ein Proposal mache, ohne sehr gründlich zu analysieren, was sie wirklich brauchen, dann ist das doch im Grunde sehr unprofessionell. Lassen sie es uns doch gemeinsam erarbeiten, indem ich Ihnen immer etwas liefere.“ [1] In dieser Geschichte steckt der Geist der Agilität in jedem Wort. Dinge nehmen wie sie sind, ohne sie zu beschönigen. Sich darüber im Klaren sein, was realistisch ist und die eigenen Grenzen kennen. Das sind die Grundelemente, die sich auch in den Werten von Scrum wiederfinden.

Agiles Denken ist sich der Rahmenbedingungen und der geschäftlichen Implikationen bewusst. Agile Manager (Manager, weil es im agilen Denken den Projektmanager nicht geben kann) wissen natürlich, dass es Zwänge gibt, dass diese Zwänge aber nicht einschnüren sollten. Und wenn sie es tun, dass diese Fesseln gesprengt werden müssen. Immer eingedenk der Tatsache, dass viel mehr Dinge möglich sind, als viele Menschen glauben.

All das habe ich früher und all das bezeichne ich immer noch als einen Paradigmenwechsel für die meisten Denkprozesse in Unternehmen.

Auf der Reise nach und durch Scrumland

Wer sich auf die Reise ins Scurmland macht, der muss mit vielen vielen Hindernissen, Gefahren und Untiefen rechnen. Es gibt keine asphaltierten Wege, keine Umgehungsstraßen, keine fertigen Lösungen aus dem Lieferkarton. Aber wir sind auch nicht mehr im Scrum-Urwald. Es gibt schon die ersten Trampelpfade und Lehmwege. An manchen Stellen gibt es sogar schon Gasthäuser und die ersten Siedlungen, in denen man erfahren kann, wie es weitergeht. Die ersten Wegweiser stehen und die Pioniere haben die ersten Seilbrücken gebaut. Mittlerweile wurden schon einige Reiseführer geschrieben und die ersten Do-It-Yourself Bücher stehen bereits im Regal. Gehen muss man aber immer noch selbst. Die Ärmel hochkrempeln, neue Wege ebnen, eigene Best-Practices entwickeln, selbst kreative Lösungen entwickeln und sich das Scrumland Stück für Stück aneignen. Wer den Weg gehen will, der darf sein Vorhaben auch  Scrum nennen und wird sicher viele Erfolge für sich und seine Organisation verbuchen können.

Wir stehen noch immer am Anfang – Aber… Nur das Label drauf zu kleben, also sich die Federn zu holen, ohne den Vogel zu erlegen … das geht nach hinten los. Garantiert.

[1] Mitch Lacey bei seinem Vortrag bei der Agile Tour 2011 in Wien. Nicht wörtlich wiedergegeben.

  • Gast

    Renaissance und sich wieder auf die Ideen von Descartes besinnen? Die Renaissance dauert vom späten 14. bis ins 16. Jahrhundert, Descartes wurde erst 1596, also gegen Ende des 16. Jahrhunderts geboren!

    • bgloger

      Hi, vielen Dank für den Hinweis, ich hatte einen Gedankensprung drin und habe zwei Dinge auf einmal aufgeschrieben. Ist mir nicht aufgefallen beim Korrigieren. Aber du hast natürlich Recht.  http://de.wikipedia.org/wiki/Renaissance