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Shu-Ha-Ri oder Scrum by the book ☺

Es kann nicht oft genug gesagt werden: Natürlich ist Scrum ein Framework, um Organisationen, Product Development und Team zu managen und zu führen. Selbstverständlich kann ein Framework nicht Lösungen für jede Organisation, jede Abteilung oder jedes Team haben. Selbstverständlich muss jede Organisation best practices entwickeln, die nur in ihrem Kontext funktionieren. Die besten Beispiele dazu sind die Firmen, die heute nach Jahren sehr erfolgreich mit Scrum, KANBAN oder anderen agilen Methoden und Ideen sind.
Doch den ersten Schritt vor dem zweiten zu tun, also die Anpassung vor der Meisterschaft der eigentlichen Ideen ist meist, nein immer verkehrt. Ein Kind lernt auch nicht das Rennen, Springen, Klettern bevor es das Krabbeln, das Stehen, das vorsichtige wackelige Gehen und dann das sichere Laufen meistert. Das dauert – und ist mit etlichen Fehlschlägen bezahlt. Fehlschläge, die oft wehtun, die frustrieren und die das Kind immer weiter bringen.

Habt ihr mal Eltern beobachtet, die dabei zusehen, wie ihre Kinder laufen lernen? Wenn nicht, sucht euch einmal ein Elternpaar, das ein 8 Monate altes Kind hat oder geht in eine Krabbelstube und schaut zu. Es ist sehr faszinierend zu sehen, dass diese Eltern nicht ein einziges Mal sagen werden: „Oh du bist zu blöd zum Laufen, das wird nie etwas. Du musst das so oder so machen. Wieso hast du denn den Fuß nicht nachgezogen? Jetzt schau aber mal her, ich zeig dir, wie es geht.“ Meistens hört man doch: „Bravo! Das machst du toll. Ja so geht’s. Man, hab ich dich lieb.“
Sie stehen da, freuen sich über jeden noch so kleinen Schritt und sie sind da, wenn das Kind fällt, nehmen es in den Arm und trösten es. Was sie auch tun: Sie sichern ab, sie geben dem Kind Halt, sie geben ihm einen Rahmen, sie passen auf, dass das Kind nicht zu nahe an der Treppe übt, räumen die Tischdecke weg, damit das Geschirr nicht mit runterkippt. Sie umsorgen, aber sie lehren nicht.

Copyright: Gerhard PeyrerPositive Verstärkung bis zum Abwinken. Es ist schon manchmal peinlich anzuschauen. Als gäbe es nichts Wichtigeres auf der Welt. Ganz ehrlich, einige übertreiben es, aber … es ist POSITIV!

Eigentlich merkwürdig. Sind die Kinder im Vorschulalter und sollen malen, zeichnen oder schreiben lernen, ist es mit dieser Art des Umsorgens, des Förderns, des Daseins für Kinder vorbei. Plötzlich wird vorgemacht, ermahnt, gedroht, gestraft und von der positiven Verstärkung ist nicht mehr viel übrig geblieben. Ich bin sicher kein Einzelfall gewesen. Bei mir war das Diktate üben: Horror! (1)

Natürlich ist Laufenlernen etwas, das Kinder instinktiv machen. Sie lernen, dass sie zu etwas hingelangen, wenn sie sich auf den Weg machen. Eltern bestärken sie. Aber dass sie wirklich Laufen lernen, ist nicht gesagt. Ich habe als Kindergärtner während meiner Zivildienstzeit mit Kindern gearbeitet, die über den Boden robbend genauso schnell ein Ziel erreichen konnten, wie jene Kinder, die laufen konnten. Es ging auch gar nicht anders, denn diese Kinder hatten entweder körperliche Gebrechen oder waren einfach zu dick. Sie bekamen ihren Hintern nicht hoch. Es dauerte fast 12 Monate, bis die Muskeln stark genug waren. Tägliches Training – ja, da mussten Therapeuten helfen.

Scrum ist Hausverstand – den wir verloren haben

Wie ist das mit Scrum – geht das instinktiv? Nein! Wir haben zwar die Veranlagung, aber die Instinkte, die uns dazu führen würden, unsere angeborenen Strukturen auszubilden, werden durch Erziehung, Sozialisation, Kultur und Organisationen unterdrückt. Wir beginnen sofort, uns verbogen zu verhalten. So wie es Menschen gibt, die künstlichen Orangensaft dem geschmacklich eindeutig spannenderen Naturprodukt vorziehen, so haben wir verlernt, unseren anthropologischen Eigenschaften zu folgen.

Scrum und seine best practices sind, wie Ken immer sagte, „common sense“. Gerade den müssen wir aber erst zurückgewinnen. Wir müssen wieder lernen, dass frischer Orangensaft besser schmeckt als das Industrieprodukt.

Das geht nur, indem wir uns auf den Weg machen und dabei verstehen, dass das Erlernen neuer Fähigkeiten nur durch üben, üben und nochmals üben erreicht wird. So wie das Kleinkind über Jahre zum Meister des Laufens wird und irgendwann überhaupt nicht mehr darüber nachdenkt, dass es nicht laufen könnte. Dieses Lernen gelingt Erwachsenen aber oft nur, wenn sie verstehen, dass sie sich in einem Stufenprozess des Lernens befinden. In der agilen Community war es meines Wissens Alistair Cockburn, der als Erster den Begriff des ShuHaRi in unserer Bewegung einführte: Dieser Begriff kommt ursprünglich aus den japanischen Kampfkünsten, z.B. Aikido.(2) Dort herrscht das Prinzip Shu-Ha-Ri. Dieser Begriff besteht aus drei Silben, bei der jede für eine Phase des Lernens von Aikido steht. „Laut Masayuki Shimabukuro ist “Shu-Ha-Ri” wie ein Kreis in einem Kreis in einem Kreis.“ (3)

  1. Die erste Phase, Shu, ist das genaue Nachmachen der Kampfbewegungen wie der Meister sie lehrt. Dabei wird vom Schüler die Korrektur durch den Meister dankbar angenommen und akzeptiert. Im Gegenzug schützt der Meister seine Schüler und motiviert sie zum weiteren Lernen, das die Basis für die zweite Stufe, Ha, ist.
  2. In der zweiten Lernstufe Ha versteht der Schüler die Hintergründe der Regeln und Techniken und beginnt mit kleinen Anpassungen und Veränderungen.
  3. In der letzten Stufe dem Ri ist der Schüler nicht länger Schüler, sondern wird selbst zur Regel. Er beherrscht die hohe Kunst und kann seine Fähigkeiten nutzen und situativ anpassen. Er ist selbst zum Meister geworden und stellt seine eigenen Regeln auf.

„Wie der Meister sie lehrt“ – Selbstverständlich weiß der Meister, dass es unzählige andere Wege gibt, den Gegner zu bezwingen und dennoch entschließt er sich, dem Schüler nur eine Weise beizubringen. Genau das ist der Ansatz, den wir beispielsweise vorgeben, wenn wir Scrum bei Kunden einführen. Wir geben eine Art vor, das Sprint Planning durchzuführen. Eine Weise vor, das Daily Scrum zu machen und so weiter. Das schafft auf der einen Seite zwar eine Einschränkung, auf der anderen Seite führt es aber auch zu Sicherheit. Es führt zum Erfolg, weil der Scrum Coach oder auch ScrumMaster weiß: „So wird es sicher funktionieren.“

Die Aufgabe des ScrumMasters und des Scrum Coaches ist es dann, dafür zu sorgen, dass das Team diese kleinen Erfolge hat und diese sofort durch „Bravo!“ zu verstärken. Er muss dafür sorgen, dass sein Team sofort POSITIVE Verstärkung bekommen kann. Wer dazu einen sehr bekannten Text lesen will, dem sei das erste Buch der One Minute Manager Reihe empfohlen.

Wer in Wien ist und Lust hat, mit mir mal diese Praxis vollkommen gefahrlos zu üben und sich nicht scheut dreckig zu werden, den lade ich ein, mit mir sonntags eines meiner Pferde zu versorgen. Da kann man zusehen, wie positive Verstärkung zu Erfolgen führt. Da sieht man wie Lernen im Zeitraffer-Tempo funktioniert. (4)

(1) „Young children do not have motivation problems. (…) We never see a 2-year-old who is depressed about how his talking progress is going on and so has decided to quit trying to improve. (…) But at age 6, all this changes. Children try to avoid having to learn, they fear failure, their educational goals are to please authority or do less work. (…) What has happened? The 6-year old has started school.“ (Schank 1993/1994, p. 430) aus der Vorlesung „Pädagogische Psychologie“ von Prof. Fischer LMU

(2) Alistair Cockburn (2000): Agile Software Development

Die Quellen darin sind:

  • Kuroda, Ichitaro: „Shu-Ha-Ri“ ;Sempo Spring 1994 pp 9-10.
  • McCarthy, Patrick: „The World Within Karate & Kinjo Hiroshi“; Journal of Asian Martial Arts. V. 3 No. 2 1994.
  • Private conversations with Nakamura, L. Sensei, Toronto, Spring 1994.

(3) Zitat und Abbildung Shu-Ha-Ri aus http://www.aikido-blog.de/shu-ha-ri-die-lernstufen-im-budo-aikido/

(4) Wer darüber noch mehr lernen will. Dem empfehle ich „Gregory Bateson: Ökologie des Geistes.“