Drücken Sie Enter, um das Ergebnis zu sehen oder Esc um abzubrechen.

Scrum Guide 2011: Forecasten wir das Ende des Commitments?

Mit der Zeit schleichen sich in vielen Diskussionen bewusste oder unbewusste Missverständnisse, Gedankenfehler und Urban Legends ein. Handelt es sich um Themen von gewisser Tragweite (wie Scrum für uns alle eines ist), sollte man daher in regelmäßigen Abständen so etwas wie Backlog Grooming betreiben und die Dinge wieder ins richtige Licht setzen. Ken Schwaber und Jeff Sutherland haben das mit dem Scrum Guide 2011 getan.

Manche Punkte bekommen meine ungeteilte Zustimmung, weil ihre Präzisierung längst fällig war. Aber bei einigen anderen Punkten komme ich schwer ins Grübeln und es handelt sich dabei aus meiner Sicht um keine Nebensächlichkeiten. Bei einigen „Neuerungen“ stellt sich mir die Frage, ob denn überhaupt noch von Scrum die Rede ist oder ob sich die Verfasser nach der Decke jener strecken, die Scrum so verbiegen wollen, dass es in ihre alten Muster passt. Auch wenn von vielen stur das Gegenteil behauptet wird: Scrum bedeutet nicht, dass ein Team tun und lassen kann, was es will. Auch Scrum stellt Verbindlichkeiten her und als allererstes tut es das über die Werte, die Scrum zugrunde liegen. Ihr erinnert euch: Offenheit, Mut,  Respekt, Commitment, Fokus. Außerdem werden – ob gewollt oder ungewollt – teilweise zwischen Entwicklern, Product Owner und Management wieder Gräben aufgezogen, die wir mit Scrum eigentlich überbrücken wollten. Irgendwo schwingt hier im Hintergrund der Druck von Entwicklerseite mit, die unterm Strich doch demonstrieren wollen: „Ihr hängt von unserem Grips ab, daher nehmen wir uns wieder ein wenig mehr Freiheiten raus.“ Ich möchte mir den Scrum Guide in den nächsten Tagen nach den Punkten Werte – Rollen – „Events“ – Artefakte ansehen und starte heute mal mit den Werten.

Offenheit oder Transparenz? Auf Seite 4 des Scrum Guides stolpere ich zum ersten Mal über einen Wert. Oder besser gesagt: Mir fehlt dort ein Wert. Ken und Jeff reden von der nötigen „Transparency“ als einer der drei Säulen, die der Implementierung und empirischen Prozesskontrolle zugrunde liegen soll. Transparenz an und für sich ist eine Situation, die erst hergestellt werden muss. Transparenz braucht also einen Ausgangspunkt: die Offenheit. In Holland haben die Menschen in ihren Häusern große, ebenerdige Wohnzimmer – ohne Gardinen oder Rollläden. Sinnbilder der „offenen“ holländischen Gesellschaft. Man sieht die Menschen nur ziemlich selten in ihren Wohnzimmern sitzen. Weil sich niemand gerne freiwillig auf den Präsentierteller legt. Holländische Wohnzimmer sind also bestenfalls transparent. Offen wären sie, wenn die Menschen es auch genießen würden, in ihren transparenten Wohnzimmern zu sitzen, die neugierigen Blicke aushalten und in aller Öffentlichkeit ihr Leben leben würden. Offenheit ist also die Grundlage der Transparenz. Offenheit ist eine Haltung. Offenheit ist die Basis konstruktiver Zusammenarbeit. Offenheit war einmal ein Wert von Scrum. Ich hoffe, dass sie es immer noch ist?

Forecasts statt Commitment? Wahrscheinlich habe nicht nur ich mich bei diesem Punkt gefragt, ob ich tatsächlich richtig gelesen habe. Das Team committet sich nicht mehr dazu, in einem Sprint ein bestimmtes Ergebnis zu liefern – es gibt einen „Forecast“ ab. Hallo Unverbindlichkeit! Es ist schon klar, dass in einem Sprint immer etwas passieren kann, das ein Commitment zu Fall bringen kann. Aber „Commitment“ – einer der grundlegenden Werte agiler Methoden und von Scrum – bedeutet, dass ich mein Bestes gebe und mit all meiner Kraft daran arbeite, gemeinsam mit den anderen ein Ziel zu erreichen. Commitment bedeutet nicht, an den Pranger gestellt zu werden, wenn es doch nicht gelingt. Commitment ist Ausdruck des Wollens und der Freiwilligkeit, es ist die Basis von Scrum, es ist die Basis der ständigen Weiterentwicklung. Ich werde versuchen, Hindernisse zu beseitigen, ich hole die Verantwortung zu mir und wenn etwas nicht klappt, werde ich nach den Ursachen suchen und daraus lernen. Sehen wir uns den Weather „Forecast“ oder das Weather „Commitment“ an? Kein Meteorologe der Welt kann was dazu beitragen, dass das Wetter schön wird und er wird klarerweise nie die Verantwortung dafür übernehmen. Allein mit der Begrifflichkeit des „Forecast“ öffnen sich wieder Tür und Tor dafür, die Verantwortung auf alle möglichen Umstände abzuwälzen, wenn mal etwas nicht so klappt, wie foregecastet. Ach ja, und schaffen wir das Commitment dann auch als agilen Wert ganz ab.

  • Hans-Peter Daser

    Das Gleiche, das Boris aufführt, stelle ich auch fest: Es wird immer wieder versucht, SCRUM so umzubiegen, dass es den ehemligen und klassischen Projektgeschäft wieder näher kommt. Wir sind mittlerweile so konditioniert, dass wir die vorteilhaften Möglichkeiten ungenutzt lassen. Anscheinend ist es unerhört, Spaß und Erfolg im Business zu haben, das erreicht wird, wenn wir den einfachen mindset leben.

    Ich gehe noch einen Schritt weiter: Es ist erkennbar, dass es einen direkten Zusammenhang zwischen „art working together“ und „art of software-development“ gibt. Alle Aspekte, die durch die Werte Offenheit, Respekt, Courage, Commitment und Fokusierung zu Tage gebracht werden, ist ein Abbild, wie Software entwickelt wird.

    Resume: Es wird noch etliche Generationen benötigen, bis wir wieder auf dem richtigen Weg sind, auf dem Weg in dem Freude, Spaß und Hochmotivation im Business als normal gesehen und gelebt wird.

  • Patrick

    Ich frage mich, wie viele Scrum Master oder POs diese angeblichen Vorteile des Commitments jemals in der Praxis beobachten konnten, also das ein Team alles daran setzt, ein Commitment einzuhalten? Meine Erfahrung in allen Teams mit denen ich direkt zusammengearbeitet habe oder über die ich mich mit anderen Scrum Mastern und POs ausgetauscht habe, ist immer dieselbe:
    Entweder ein Team hat sich übercommitet, dann wird es das nächste Mal weniger commiten oder es hat sich untercommitet, dann wird die Zeit im aktuellen Sprint so gestreckt, dass es genau zum Sprintende fertig wird. Tatsächlich sinkt also die Produktivität.
    Ein Vorgehen, wo man ähnlich zu KANBAN Story für Story entwickelt und abschließt, und dafür einen Forecast abgibt, scheint mir wesentlich hilfreicher für alle.
    Und nicht zu vergessen, wie viele Diskussionen man sich im Planungsmeetings rund um das Commitment spart!

  • Pingback: Nachlese zu den Änderungen am Scrum Guide 2011 « Unlocking Potential()